Bericht von Ingo Fassbender zu Schlagfertigkeitstraining 2011
In diesem Jahr wurde eine Einheit zu Schlagfertigkeit mit allen Kindern in zwei Gruppen durchgeführt. Sie stand unter dem Titel „AIKIDO mit dem Mund“. Ziel war es Wege aufzuzeigen, wie man ohne Gesichtsverlust und ohne weitere Eskalation aus Situationen verbaler Angriffe oder Beleidigungen heraus kommen kann. Zweitens, wie man es im Vorwege vermeiden kann, in eine Opfer-Rolle zu geraten.
Zunächst durften die Kinder berichten, ob sie bereits einmal beleidigt worden sind oder sich dumme Sprüche anhören mussten. Dies war ohne Ausnahme der Fall und die Kinder erzählten rege von ihren Erlebnissen. Zuvor wurden sie darauf hingewiesen, dass alles, was hier erzählt wurde, in dieser Runde bleiben sollte und nicht anschließend gegen einzelne Teilnehmer verwendet wird.
Anschließend sollten die Kinder erzählen, wie sie sich dabei gefühlt und wie sie reagiert haben. Die Antworten bewegten sich erwartungsgemäß im Spektrum von weinen/weglaufen über zurück beleidigen bis zuschlagen.
Dies stellte den Einstieg ins „AIKIDO mit dem Mund“ dar. Auch bei verbalen Angriffen wollen wir den Gegner nicht verletzen, aber auch uns selbst nicht verletzen lassen. Dieses Ziel sollte in vier Schritten erreicht werden.
1. Erkenntnis
· Wir alle werden Opfer solcher Attacken, niemand steht allein damit da
· Es ist wichtig mit anderen darüber zu reden – reden befreit
· Die Täter sind nur in der Gruppe stark, allein sind sie meist feige
· Betroffene trösten, aber nicht auf Angreifer reagieren
· Viele verbale Angriffe treffen einen wahren oder gefühlt wahren Kern – diese Angriffe treffen am tiefsten
· Gute Antworten, die einem später einfallen, merken und aufschreiben
· Schlagfertigkeit kann man lernen/üben
· Bei manchen Leuten hat man schon dadurch gewonnen, dass man sich nicht auf ihr Niveau hinunter ziehen lässt – einfach ignorieren
2. Selbstbewusstes Auftreten
· Wer selbstbewusst wirkt, wird seltener Opfer von Angriffen
· Wer selbstbewusst wirkt, wird auch tatsächlich selbstbewusster
· Wie wirke ich selbstbewusst (aufrechte Haltung, Blickkontakt, lächeln…)
· Bauchatmung beruhigt, „erdet“ und setzt Energie frei
· Gefühl für die Situation entwickeln
· Zu sich selbst stehen, eigene Fehler und Unzulänglichkeiten akzeptieren
· Jeder hat Stärken, man muss sich dieser Stärken aber auch bewusst werden. Eigensicht auf eigene Stärken konzentrieren.
· Jeder ist anders, aber nicht schlechter als die anderen
3. Schlagfertigkeit
Die Antwort auf einen verbalen Angriff sollte deutlich machen, dass ich nicht getroffen / verletzt bin und sich ein weiterer Angriff deshalb nicht lohnt. Sie sollte den Angreifer wiederum nicht selbst angreifen, beleidigen oder verletzen. Pendant zum AIKIDO: Gegner greift an, ich weiche aus und lasse ihn ins Leere laufen.
Dabei helfen „drei goldenen Antworten“, wenn sie sicher vorgetragen werden.
1. Gut beobachtet!
2. Ja, und das ist gut so!
3. Daran wirst Du Dich gewöhnen müssen!
Sie zeigen, dass mich der Angriff nicht getroffen hat. Sie stellen keine Beleidigung oder einen Angriff des Gegenübers dar. Sie passen so gut wie immer und sind deshalb universell anwendbar. Der Angreifer wird verwirrt, weil er mit dieser Antwort nicht rechnet.
4. Praktische Übung
Die „drei goldenen Antworten“ wurden mehrmals laut von allen wiederholt. Spielerisch und mit wechselnden Partnern wurde abwechselnd beleidigt oder mit einer der „drei goldenen Antworten“ geantwortet.
Durchführung:
Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen wurde diese Einheit stehend und beengt unter dem Hallenvordach durchgeführt. Hinzu kamen Ablenkungen durch Lärm, Trecker und Fußballer. Dies führte dazu, dass besonders die jüngere Gruppe sehr unruhig und oft unkonzentriert / abgelenkt war. Zudem war es zeitweise schwer akustisch zu folgen, weil es zu laut war. Sitzend an einem ruhigen Ort wäre der Effekt sicherlich größer gewesen. Bei der älteren Gruppe war dies weniger störend. Zudem ließ es das Wetter dann zu, für die praktischen Übungen auf den Rasen zu gehen.
Die jüngeren Kinder waren jedoch beim Berichten eigner Erfahrungen kaum zu bremsen. Hier taten sich die Älteren etwas schwerer. Bei ihnen gingen die berichteten Erfahrungen aber deutlich tiefer und die Betroffenheit war größer. Aber auch bei den Jüngeren gab es Erfahrungen, die den Kindern wirklich zu schaffen machten, wie mangelnde Körpergröße oder ein besonderer Haarschnitt. Der Rat, zu sich selbst zu stehen und nicht von der Bewertung anderer abhängig zu machen, wurde akzeptiert.
Überraschend war, dass viele Kinder gar nicht in der Lage waren, aus dem Stand andere zu beleidigen. Es fielen ihnen keine Beleidigungen ein. Selbst nach Vorgeben eines Schimpfwortes fiel es vielen schwer, damit eine ernsthafte Beleidigung zu formulieren. Vor allem bei Mädchen war dies der Fall. So war es sicherlich eine interessante Erfahrung, einmal die Rolle eines „Angreifers“ auszuüben sowie sich zu überwinden. Das Gefühl, „das was die können, kann ich auch“, wird zukünftigen verbalen Angriffen sicherlich einiges an Kraft nehmen und die oftmals gefühlte Ohnmacht gegenüber solchen Angriffen vermindern.
Nachdem jeweils ein unsicheres und ein selbstbewusstes Auftreten vorgeführt wurde, waren die Kinder fast ausnahmslos in der Lage zu erkennen, welches Auftreten eher dazu führt, zum Opfer zu werden. Dies war den Wenigsten vorher bewusst. Bei den Jüngeren wurde aber auch diskutiert, dass zu selbstbewusstes Auftreten als Überheblichkeit angesehen werden kann. Dies könnte dann dazu führen, doch wieder Opfer zu werden.
Auffällig war, dass die jüngere Gruppe nicht in der Lage gewesen ist selbstständig einen inneren und einen äußeren Kreis zu bilden. Auch, dass der innere Kreis nach jedem Durchgang einen Partner nach links wechseln sollte, bereitete einigen Kindern Probleme.
Da bei der jüngeren Gruppe viel Zeit für die persönlichen Erfahrungsberichte aufgewendet wurde, blieb es hier bei der Übung im Kreis. Bei den älteren Kindern war genug Zeit, zusätzlich eine direkte Verbindung zum AIKIDO zu schaffen. Bei Partnerübungen wurde Katate-tori angegriffen, verbunden mit einer Beleidigung. Der Nage reagierte mit einer Ausweichbewegung und konterte mit einer der gelernten Antworten. Auch, dass lautes Schreien eine befreiende Wirkung hat und Kraft geben kann, wurde gemeinsam ausprobiert.
Besonders bei diesen praktischen Übungen hatten die Kinder viel Spaß.
Aus der jüngeren Gruppe kam nur sehr wenig Feedback, das war allerdings durchweg positiv. Die Hauptbotschaft, die hier angekommen ist, war:
· Die Erkenntnis, dass jeder einmal in eine solche Situation gerät, man also nicht allein betroffen ist.
· Durch selbstbewusstes Auftreten kann man vermeiden. zum Opfer zu werden.
· Wie wirke ich selbstbewusst?
Die ältere Gruppe konnte das Thema komplett erfassen und hat sich sehr positiv geäußert. „Daran wirst Du Dich gewöhnen müssen“ wurde bei einigen für die nächsten Tage zum geflügelten Wort in allen Lebenslagen. Dieser „spielerische“ Umgang mit den „goldenen Antworten“ führt zu einer Vertiefung des Themas. Im Ernstfall kann die Anwendung dann reflexartig erfolgen.